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Im ICE auf der Fahrt nach Berlin. Gegenüber sitzen zwei Quatschnudeln. Sie reden Deutsch und Türkisch. Ich setze die Kopfhörer auf. Zwischen zwei Liedern fragt die eine: „…und redet ihr dann Griechisch oder Arabisch.“
Was?
„Was bist’n du für’n Gemisch?“, frage ich und setze die Kopfhörer ab.
Aus Zypern, kommen ihre Eltern, sagt sie. Der Vater Syrer, die Familie der Mutter aus Griechenland. Nachdem sie in Zypern waren, haben sie eine Zeit lang in Syrien gelebt, sind dann in die Türkei gezogen, Nahe der syrischen Grenze bei Aleppo. Schließlich sind sie in Karlsruhe gelandet.
„Ist ja irre!“, sage ich. „Und du etwa auch?“, frage ich die andere. Nee, sie komme aus der Türkei. Aus der Nähe von Tokat, was auf Türkisch auch Ohrfeige heißt. „Ich komme auch aus der Türkei“, sage ich. Ich frag sie weiter, wieso sie eben was abschätziges über die Türkei gesagt habe, ob sie die Türkei nicht möge. Doch schon, aber manches dort störe sie aber auch sehr. Zum Beispiel, dass sie, je älter sie werde, desto weniger so rumlaufen kann, wie sie das möchte. Eine Tante habe ihr gesagt, sie sähe aus wie eine Hure, mit ihren lackierten Fingernägeln. Zerrissene Jeans würden schon gar nicht gehen. Und die Eltern? Die seien total locker, aber würden schon ab und zu was sagen. Vor allem gehe es darum, dass das Familienbild gegenüber der Verwandtschaft aufrecht erhalten werden soll.
Als was sich die andere fühle, wollte ich dann wissen. Nichts ganz und von allem ein bisschen, es seien ja alle sowieso durcheinander gemischt, in Europa. So sei es bei ihr auch, sagt die andere. Wie es für mich sei. Na, auch so.
Wir reden über Religion. Die eine ist orthodoxe Christin, ihre Eltern sind einigermaßen gläubig. Sie eher nicht. Die andere ist Muslimin. Die Mutter ist ein bisschen gläubig, der Vater Atheist. Sie glaubt auch nicht so recht an Gott, findet ihren Vater aber oft zu streng, in seinem Nicht-Glauben. Sie findet, man sollte jedem seinen Glauben lassen. Ob ich gläubig wäre, wollen sie wissen. Ratet mal. „Nee, auf keinen Fall!“, ruft die Türkin.
Ich hätte den Eindruck, dass das Religiöse in der Türkei, seit Erdoğan an der Macht ist, präsenter ist. Zum Beispiel sei jede dritte Phrase eine religiöse Floskel, behaupte ich. Aber das stimmt, finden beide.

Der Zug hält, wir sind angekommen, steigen aus, reichen uns die Hand und bedanken uns gegenseitig für das Gespräch. Dann gehen sie in die eine, ich in die andere Richtung. Wie sie heißen, weiß ich nicht.

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