grün

Dank ungeschickter Planung, treffe ich weder Gunda, noch Heidi und Gianni, noch meine Eltern. Lotte und Hugo wollen unter den Umständen auch nicht mit. Ich fahre allein ins Hinterland. Am CD-Regal überlege ich lange, dann packe ich die „Oh Mercy“ein, die mir Matthi mal geschenkt hat. Daniel Lanois hat in einem Interview einige Dinge über das Album gesagt, die mich von neuem neugierig gemacht haben. Dass er ein altes, robustes Röhrenmikrofon von Sony für Dylans Stimme genommen habe, ihn dazu brachte ganz nah ans Mikro dran zu gehen, damit seine Stimmer satter klingt und, dass er selbst bei diesem Album gelernt habe wie wichtig die Arbeit an den Texten sei. Auf die Frage was er von Dylans neueren Produktionen halte sagte er, was ihm gefällt und fügt an, dass er nicht schlechtes über Dylan sagen wolle, er wünsche ihm nur das Beste.
Zur Sicherheit packe ich ein paar Spoon Alben dazu. Aber ich brauche sie nicht, ich höre „Oh Mercy“ vier Mal durch und habe das Gefühl, ich entdecke das Album gerade neu. Es ist gut, wahnsinnig gut.

Jedes Mal wenn ich hinter Dillenburg ins Hinterland fahre verschwindet die Geschwindigkeit. Es wird kleiner, verwinkelter. Leere Straßen. Die Wiesen, Wälder, Sträucher leuchten in so satten Grüntönen und sind so präsent, als würden sie jeden Moment die Straßen für sich zurückgewinnen können. In Wolzhausen. Ich parke. Aussteigen. Komisches Gefühl. Vielleicht stieren mich gerade zwanzig Augenpaare hinter Gardinen an, vielleicht interessiert es keine Sau, dass ich hier bin. Ist wahrscheinlicher. Aber ich hab das Gefühl für das hier verloren. Hanne redet drauflos. Keine fünf Minuten und wir sind bei den Lebenssünden angekommen. Sie gibt mir die Grüne in die Hand, scheucht mich fast raus. Wir lachen zum Abschied.

Bei Antonietta ist die Spülmaschine voller Wasser. Abfluss verstopft. Verdammt, gerade jetzt, wo Gianni wieder weg ist. Es ist eher die Pumpe, sage ich, spiele an den Knöpfen rum, bis das Wasser abgesaugt wird. „Madooonna!“ ruft sie! Und „Tanke!“ Wir sitzen eine viertel Stunde, dann gehe ich in die Wohnung meiner Eltern. Stille. Einfach dasitzen, die Luft atmen. Krame noch im Werkzeugkeller, beschließe dann aber, doch nichts mitzunehmen.

Der Weg zurück. Ich fahre den steilen Schotterweg am Ende der Breslauerstraße nach unten. Da wo früher eine Baracke war, in der etwa 15 – 20 Gastarbeiter von Müller lebten, steht jetzt ein neues Haus. Schick, mit Erker und dem ganzen Quatsch. Ich frag mich, ob die Besitzer und Erbauer wohl wissen, wer da bis in die späten 90er hinein gelebt hat.

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Ein Kommentar zu grün

  1. Anonymous sagt:

    Huiui, lieber Ati, schon wieder Degenhardt. Dein Text erinnert mich an sein „Nach 30 Jahren zurückgekehrt“. Gibt’s leider nicht auf youtube, sonst hättest Du jetzt den Link auf diesen schönen Song.
    Herzlich
    MA