pansen

Neulich hat mir C. eine DVD mit einer Dokumentation über Eric Kandel geschenkt. Kandel war bis zum achten Lebensjahr in Wien, dann ist seine Familie vor den Nazis nach New York geflüchtet. Er ist ein Neurologe – DER Neurologe, im Jahr 2000 erhielt er den Nobelpreis für seine Arbeiten. Er hat vor ein paar Jahren entdeckt wie lernen funktioniert, indem sich nämlich Synapsen beim Lernen verändern, ausbilden. Und das umso stärker und besser, je größer das Wohlempfinden ist das man dabei empfindet. Es werden dadurch bestimmte Hormone freigesetzt, die genau diese Wachstumsprozesse fördern. Es gibt auch unterschiedliche Arten von Lernen. Zum Beispiel kann ein traumatisches Erlebnis dazu führen, dass man sehr schnell etwas lernt und abspeichert und daraus neurotisches Verhalten erwächst. Kandel hat nun nachgewiesen, dass man durch Sprache, indem man seine Gefühle zum Ausdruck bringt, oder erneutes durchleben einer Situation, dafür sorgen kann, dass jene Hormone ausgeschüttet werden, die ein Umlernen durch Stimulierung der Synapsen begünstigen. Das ist im Prinzip der Beweis, dass Therapien psychisch kranken Menschen helfen können. Es bleibt nur die Frage, welche Therapie gut für einen ist und welche vielleicht nicht anschlägt.

Als ich Mitte der Neunziger das gesamte Werk von Sigmund Freud eingesogen habe wie Freud sein Koks, galt er als blöder Märchenonkel, der mit Wissenschaft nichts zu tun hat. Der Jules Verne der Psyche. Phantastische Geschichten, spannend erzählt! Heute lese ich immer wieder Verweise auf Freud, der vieles bereits erkannt habe, ohne, dass er es beweisen konnte. Und das war auch immer seine Prämisse, mit der er seine Theorien geäußert hatte. Sie beruhten auf Beobachtungen und Erfahrungen, beweisen konnte er sie nicht.
Seine Schlussfolgerungen funktionierten zwar in der Praxis einigermaßen gut, aber ein naturwissenschaftlicher Nachweis sei dringend zu erbringen, nur, so Freud, seien die Mittel für einen Nachweis noch nicht erfunden.
Dass die Mittel irgendwann vorhanden sein werden und man im Mikroorganismus nachweisen kann, was er in den Hysterien und Melancholien erkannt haben wollte, dem liegt ein irrwitziger Fortschrittsglaube zu Grunde und Vertrauen in die eigenen Beobachtungen.

Wie denn Freud auf seine Theorien gekommen sei, fragt man Kandel in dem Film. Und er sagt, dass es die Luft war. Das es eine besondere Stimmung, eine bestimmte Atmosphäre im Wien des frühen zwanzigsten Jahrhunderts gab, dass man Dinge sagen und denken wollte, die vorher niemand gedacht hatte. Alle hätten diese Luft geatmet und Freud musste nur aufschreiben was die ganze Zeit um ihn herum war. Nicht zu ermessen sei es, was die Nazis dieser Stadt geraubt hätten.

„Ich sage nur, wenn es einen Fortschritt geben sollte, wäre Realismus seine Bedingung. Realismus bedeutet, Medusa ins Gesicht zu schauen und nicht zu Stein zu erstarren. Ich weiß nicht, ob es geht. Ich sage nur: Ohne geht es nicht.“ – Eagleton

 

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