Monats-Archive: November 2008

lange nase

Das gute an Babys ist, dass sie einem jede Albernheit verzeihen. Man würde ihnen sonst vermutlich nicht unentwegt seine Liebe und Ergebenheit gestehen.

Der Vatikan verzeiht John Lennon für seine Äußerung, die Beatles seien berühmter als Jesus. Mal abgesehen davon, dass John Lennon in vielerlei Hinsicht lieber den Mund gehalten hätte… Was mischt sich da der Vatikan schon wieder ein? 

So, jetzt haben wir einen Gitarristen, einen Proberaum, einen Namen und einen Auftritt, der wird hier hoffentlich bald verkündet. Am Mittwoch, die erste Probe im neuen Raum. Ben und ich schleppen meinen Kram nach oben. An der Tür sagt Ben: Da ist jemand drin! Ich bin irritiert, Mittwochs ist unser Termin. Er öffnet die Tür, eine sehr laute Musik dröhnt aus den Lautsprechern der Anlage in dem Raum, dazu prügelt ein Mann wie verrückt auf das riesengroße Schlagzeug in der Nische. Als der Mann uns sieht hört er auf zu schlagen und kommt hinter der Schießbude hervor. “Seid ihr die Russen, oder was?” “Welche Russen? Wir sind neu hier. Bist du der W.?”

 ”Ne, ich bin doch nicht der W.. Ich bin der Günther. Ich bin die rechte Hand vom W.. Verstehste was ich mein. Ich darf hier sein.” “Von einem Günther als Mieter hab ich aber nichts gehört. Biste Mittwochs immer hier?” “Doch, doch, ich bin der Günther, klar. Ich bin die rechte Hand vom W.. Hab grad mal so ‘ne Spindel Deep Purple CDs bekommen, da hab ich gedacht, die hör ich mir an und spiel mal ein bisschen dazu.” “Verstehe.” “Sa’ ma’ und wer seid ihr hier? Das find ich auch nett gut, die A. und der R. machen den Mogo hier und lassen jeden rein.” “Naja, wir sind die Nachmieter.” “Von den Russen, oder was?” “Nee, Russen kenn ich nicht.” “Ich find das net gut. Ich nehm das jetzt mal in die Hand und mach mal ein Treffen von allen Mietern. Dann wird mal ein bisschen klar gemacht, wer hier was ist, oder so. Weißte was ich mein?” “Ja, gut. Und sach ma’, bist du jetzt jeden Mittwoch hier drin und sollen wir nochmal rausgehen, wenn du weiterüben willst?” “Alter, ich hab doch net geübt. Ich hab mir nur ein paar geile Deep Purple Scheiben reingezogen. Kennst du noch net ma’! Alter, von 1968, das war so krass.” “Klar kenn’ ich Deep Purple. Blackmore, Gillan, Paice…” ” Alter Hut, die sind ja total neu. Ich mein so ganz früher.” “…John Lord.” “Ja, John Lord war immer dabei.” “Cool.” “Ja.” “So, wie ist denn das jetzt, willst du nochmal weiterproben? Sollen wir jetzt rausgehen?” “Ach Quatsch, ihr könnt ruhig Proben. Ich bleib noch ein bisschen hier und hör euch mal zu. Will jemand ein Bier? Ach nee, oder? Nee!” Günther geht zu einem kleinen Kühlschrank und holt eine Flasche Schnaps raus. Davon gießt er sich etwas in einen Plastikbecher und stopft sich eine Zigarette. Wir bauen auf. Ben darf auf dem großen Schlagzeug spielen und ist einigermaßen entsetzt. Thomas kommt. Wir fangen an.

“Hier, Thomas, spiel doch mal ein bisschen weniger. Weniger ist mehr. Verstehste?” “Ich find’s okay so.” “Das muss man richtig spüren. Wenn du da so rumfuttelst spürt man nicht die Vibrations. Das kapiert doch kein Mensch. Und, ich sach ma’ so, das glaub’ jetzt net nur ich, was ich hier sage, das glauben auch andere!” “Kannste mir vielleicht doch mal ein Mikro aufstellen?” “Ey klar Mann, Atilla. Hab ich doch vorhin schon gesacht.” “Ja, ich wollte nur der PA nichts antun, ist doch die vom W..” “Ja, aber ich bin ja da. Ich bin doch die rechte Hand.” Nach dem ersten Block, wollen wir eine Pause machen und kurz an die frische Luft gehen. “So’ne geile Softmucke, ist das ja. Da muss man sich auch mal so tragen lassen. Das kann einen auch tragen. So. Weißte? Aber Thomas, ey, du musst echt mal mehr so stehen lassen. Bass ist echt wichtig.” “Ja, das muss räumen.” “Ja, genau, Atilla, du sachst es, das muss räumen. Ey, du heißt ja auch wie der Hunnenkönig.” “Ja. So unten rum muss das räumen.” “Ja, unten ist gut! Hehehe! Unten!”
Später erbarmt sich Günther und nimmt sich ungefragt der Sängerrolle  an. Wir wurden erleuchtet würde ich jetzt gern sagen, aber wir wurden geräuchert stimmt da wohl eher.

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Nochmal Türkisches Konsulat. Ich brauche Pass, Ausweis, Lohnzettel, als Beleg, dass ich berufstätig bin. Als ich anrücke erfahre ich, dass der Lohnzettel übersetzt, die Übersetzung beglaubigt sein muss. Mir geht die Lust flöten, mich länger mit eurem Murks auseinanderzusetzen, habe echt Besseres zu tun. Gern schicke ich euch eine beglaubigte Übersetzung der Beschimpfungen, die mir so durch den Kopf gehen.

Dann ist der 2. November. Der Termin. Aber nix da. Suna kommt vorbei, Lotte ist entspannt. Ich schau mir das Rennen an. Das wird heute nix mehr, für Massa nicht und für uns nicht. Lass uns was Doofes tun, sage ich. Wir schauen Oceans Twelve. Lotte versteht den Film nicht, ist ein bisschen unleidlich. Gerade folgt die Auflösung, als sie sagt, dass der Schmerz sich plötzlich anders anfühlt. Werden ein bisschen nervös. Schauen auf die Uhr, Abstände messen. Tut es sehr weh? Es geht. Gut, lass uns Zähne putzen, frisch machen und dann machen wir uns auf den Weg. Frau P. und E. helfen uns. Frau P. ist aufgelöst, ein Wasserschaden in ihrer Wohnung. Das ist ja verrückt, sage ich. Ja, sagt sie.  Dann ruft sie ach Herrje, es geht los! Sie hält Lotte den Arm hin, ich hole das Auto. E. bringt uns zum Bürger. Ich hole einen Rollstuhl. Oben angekommen, stellt sich heraus, dass die Hebamme ein Knochen ist. Unbeweglich, ohne Mitleid. Zwischendurch sagt Lotte, entspann dich, die weicht auch noch auf. Untersuchung. Abstände sind bei zwei bis drei Minuten. Morgen früh um acht, um neun vielleicht, denke ich. Lotte will zurück auf den Rollstuhl. Wir sind allein. Sitze da, weiß nicht was tun. Kann nix tun. Massage, ja, nein. Geh weg, komm her. Mache ich, mache ich alles. Die Hebamme kommt, untersucht. Es ist so weit.

Und dann ist er da, gibt ein Murren von sich, hustet ein bisschen, bewegt die Arme. Wir leben wieder, und das hier ist gerade ziemlich weit weg von allem, was man sich vorstellen kann. Es ist zwanzig vor vier.

Um sechs steige ich ins Auto, fahre zur Tanke, kaufe ein Brötchen, ein Bier und Zigaretten. E. schiebe ich eine Nachricht unter der Tür durch, komme nach Hause, esse das Brötchen, stelle mich auf den Balkon. Die Stadt erwacht. Ich öffne das Bier und die Schachtel Kippen. Trinke einen Schluck, nehme einen Zug, und der Rest ist mir allein…

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