Tages-Archive: Oktober 2, 2008

auch gut

Auf dem Weg von Bad Homburg nach Griesheim. Die letzte Fahrt mit dem Polo. Es regnet als gäbe es kein Morgen. Die Scheibenwischer funktionieren nur auf der höchsten Stufe. Dann und wann rutscht das Auto. Ich fürchte sowieso, dass es auch meine letzte Fahrt wird. Aber dann komme ich doch an. Auf dem Bürgersteig abstellen. Nochmal prüfen, dass ich nichts vergessen habe. Der Verkäufer des türkischen Autohauses wartet bereits, begrüßt mich. Seine Helfer auch. Sie sind gut gekleidet, es ist Ramadan. Man sagt ich solle mich noch ein bisschen gedulden, das Auto sei noch in der Zulassungsstelle. Okay. Dann verschwindet der Verkäufer und ich sitze da inmitten der Enkel, Neffen und Schwiegersöhne, die in einem wirren Wust miteinander und aneinander vorbei reden. Sie sind freundlich, reserviert und überhaupt nicht interessiert. Für viele ist meine Sorte des assimilierten Türken Abschaum. Sie rotzen dir ihr ärgstes Türkisch hin, auf dass du Schwierigkeiten hast es zu verstehen. Wenn sie aus dem Osten der Türkei kommen, dann ist das in der Regel so. Ich sitze da und schweige vor mich hin und denke mir, dass wir doch woanders hätten gucken sollen, vielleicht bei so ein paar Nazideutschen. Gibt es auch.
Es vergehen erst zehn, dann die anderen zwanzig Minuten, bevor ich sage, dass ich schon eine halbe Stunde warte und ich wenigstens wissen wollte wann er zurückkommt. Sie telefonieren, er steht noch in der Schlange. Dann drehen sie sich ihren Computern zu und machen weiter. Spielen Solitair, vermutlich. Nach einer Stunde kommt das Auto endlich. Hoffentlich kriege ich keinen Ärger, ich werde meine Mittagspause auf zwei Stunden gedehnt haben, wenn ich zurückkomme. Ich unterschreibe alles schiebe die Kohle rüber und nehme den Schlüssel in Empfang. Ich frage, ob sie die Feinstaubplakette mitbesorgt haben. Nein. Okay. Ich fürchte ich habe gerade die Möglichkeit verpasst mich daneben zu benehmen. Irgendwelche Höflichkeitsfloskeln fluppen aus des Verkäufers Mund. Egal.

Mittwoch Morgen um viertel vor acht. Suni steht wie verabredet vorm Haus. Steigt ein. Wir sprechen den Plan durch. Wir schlängeln uns durch Sachsenhausen, über die Friedensbrücke ins Gutleutviertel. Nach etwa zehn Minuten rumgeeier finden wir die Rottweilerstraße, parken, gehen ins Amt und sind gleich dran. Zimmer 107. Eine sehr freundliche Frau empfängt und berät uns. Wir sind zufrieden, denn wir wissen was als nächstes zu tun ist, im Einbürgerungsprozess. Wir werden so Deutsch…
Durch den Hafentunnel auf die Mainzer Landstraße. Vorbei an der Galluswarte und in Nähe des Ordnungsamtes parken. Die große Schlange wartender Menschen vor der Ausländerbehörde können wird umgehen. Wir wollen das Bewohnerparken umschreiben lassen auf das neue Auto. Nach ein paar Minuten sind wir dran. Die Sachbearbeiterin sieht freundlich aus. aber erst von der Seite fällt mir auf, dass ihre Augenbrauen von Natur aus so hochgezogen sind, dass sie stetig aussieht als würde sie schmunzeln. Fünf Euro. Danke. Tschüss.
Schnell Tanken, dann weiter bis zur Schmidtstraße und Richtung Rebstock zur Zulassungsstelle. Plaketten gibt es an Schnellschalter. Fünf Euro. Danke. Tschüss.
Wieder im Auto. Vorbei an der Messe, am Westbahnhof, am Campus Bockenheimer Landstraße und parken. Türkisches Generalkonsulat. Nummer ziehen, reingehen. Der Sicherheitscheck ist das coolste was ich in letzten Jahren erlebt habe. Bisschen Tasche geknetet, bisschen die Arme abgetatscht und durchgewunken. Es ist Ramadan, und dementsprechend leer im Konsulat. Wir warten trotzdem eineinviertel Stunden. Dann holt Suni ihre Passverlängerung und ich meine Geburtsurkunde. Die ganze Zeit sitzt man da drin und hofft, dass man nicht zu sehr drangsaliert wird. Die Beamten haben eine tiefe Abneigung gegenüber ihren Landsleuten. Sie duzen dich ohne vorher zu fragen. Sie ignorieren deine Fragen und reden in ihrem Amtstürkisch daher. Aber das Türkisch, das man von seinen Eltern lernt enthält keine Worte wie Beleg, Formular, Paragraph und Amt. Im Wartezimmer die Blicke der Anderen: Was machen den die beiden Deutschen hier? Wir fühlen uns nicht sehr wohl und reden über unsere Eltern.

Wir fahren nach Hause, treffen Lotte, gehen im Öder Weg essen. Dann geht jeder wieder seiner Wege. Beim Hörgeräte Laden in der Schäfergasse frage ich nach schwächeren Filtern, die aber erst bestellt werden müssen. Es ist so schön mit jemandem redet, der freundlich ist.
Am frühen Abend Probe. Im Flur hängt ein Gesuch: eine Band sucht einen Proberaum auf zur Mitbenutzung. Sie sind gerade groß angesagt und haben extrem gute Kontakte, aus denen auch die Mitbenutzer des Proberaums großen Nutzen zeihen könnten. Wer in dem Geschäft, das große Geschäft erwartet, hat entweder vor drei Jahrzehnten einen Nummer-Eins-Hit gehabt und startet gerade die Comeback-Tour oder ist seit vierzig Jahren im Geschäft und heißen the Rolling Stones.  Ist aber nicht so. Die Band heißt Antitainment. Aber was will eine Band mit dem Namen dann eigentlich im Entertainment? Die Leute langweilen? Beschimpfen? Vollkotzen? Ich glaube wir suchen noch etwas länger nach einem Namen.
Um zehn Uhr bin ich zuhause und platt. Und dann bekomme ich eine Nachricht von Marc…
Bevor dieser Tag garnicht mehr aufhört, lege ich mich einfach ins Bett.

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