Monats-Archive: Oktober 2008

rituale

Die Tage sind gepackt bis oben hin. Als ich meinen Pass suche, weil wir zum Jugendamt müssen und ihn nicht finde, muss ich fast heulen. Lotte muntert mich auf: “Erzähl mir nie wieder, ich sei unorganisiert!” Der Stoff aus dem die Dramen sind. Und ich bereue alles was ich je gesagt habe.

Basso wurde geputzt, die neuen Ultremos aufgezogen. Kevin schaut vorbei. Ich pumpe einen Reifen auf, um zu sehen, ob alles okay ist, als der schöne Latexschlauch mit einem lauten Knall die Luft wieder raus lässt. Scheiße! Wahrscheinlich habe ich den beim aufziehen des Reifens eingeklemmt. Anders kann ich mir den zehn Zentimeter langen Riss nicht erklären. Mit fiepen im Ohr (es ist ein hohes E) geht es zum Italiener um die Ecke. Schmeckt super, das Zeug. Ganz wohl ist mir danach aber nicht. Ich ziehe auch neue Reifen auf das Kinesis auf und telefoniere mit Suna. Kurz vor acht vor dem Nachtleben. Warten auf Suna und Chris, den sie, warum auch immer, Maus nennen. Da steht eine Frau mit roter Jacke und wartet, dass es grün wird, ich lehne an einem Stromkasten gleich neben der Ampel. Sie winkt jemandem auf der anderen Straßenseite. Ich schau rüber.  Es ist Tom. Er schaut mich an, schaut ernst. Ich vergesse die Frau in der roten Jacke, hab sie aber gerade noch in meinem Notizblock notiert. Auch der Gedanke, woher Tom die Frau kennt ist schon wieder verflogen. Ich bin mir nicht mal sicher, ob sie später die Ampel überquert hat und wen sie gegrüßt hat. Vielleicht hat sie auch gar nicht existiert? Dann erkennt mich Tom und fängt an zu lächeln. Wir warten ein paar Minuten gemeinsam auf die Anderen, dann macht er sich auf den Weg und wir uns ins Nachtleben. Es ist die Präsentation des Buches “Madonna und wir”, spärlich besucht, mit witzigen Beiträgen. Klaus Walter ist dabei und Detlef Diederichsen und Lotte, die den Meinecke spricht und sich bestens in die Rolle ‘eingepasst’ hat. Ich mache Fotos. Gregor sagt: Videofunktion anschalten, aufnehmen auf YouTube und im Komalaeufer posten. Versprochen, aber so schnell bekomme ich es nicht hin. Es muss erst in die Post-Production bevor ich es posten kann. 

Flo steht am Sonntag Morgen um acht vor der Haustür. Ich hab mich warm eingepackt zum Saisonabschluss bei der RTF in Niederdorfelden. Wir fahren über Vilbel, um Stefan abzuholen. Flo aber ist verletzt und kehrt um. Stefan und ich fahren allein nach Niederdorfelden, wo wir zum Glück noch die anderen erwischen. Gemächlich geht es los, aber nach der Streckenteilung zwischen der 79 km und der 119 km Strecke wird ordentlich Tempo gemacht. Fast alle sind am Ende restlos ausgelaugt und zufrieden. Ich weiß nicht wie ich die Probe überstehen soll. Um kurz nach drei bin ich zuhause, dusche so warm es geht. Ich sitze, esse und versuche mich ruhig zu halten. Dann räume ich noch ein bisschen auf, bring den Müll runter  und da sind schon Ben und Tom. Am Kiosk holen wir uns was zum Knabbern, dann proben wir. Und unentdeckt liegt mein Pass im Sideboard, wo ich ihn rein geräumt habe, damit er nicht so rumfliegt und leichter wieder zu finden ist.

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den dingen zugewandt

Soso, jetzt also Bernhard Kohl. Die Österreicher machen reichlich Schlagzeilen in diesem Jahr…

Samstag und Sonntag zwei etwa gleich große Runden. Am Sonntag ist Flo dabei. Schön, dass er wieder da ist. Es wird kühler.

Endlich gehen wir wieder ein paar kleine Schritte. Wir müssen es jetzt selbst in die Hand nehmen und die CD fertigstellen, schreibt Matthi und hat Recht.

Rosa: “Sonjuschka, Liebste, seien Sie trotz alledem ruhig und heiter. So ist das Leben, und so muß man es nehmen, tapfer, unverzagt und lächelnd – trotz alledem.”

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problemtuerken

Jam Session im Bett. Ben und ich machen uns auf den Weg. Fängt gut an mit fünf sechs Stücken der Band Gastone. Schön. Der Sänger hat was von Charles Bukowski, nur jung. Danach wird gejammt. Bestimmt nicht ganz schlecht, aber schon auch langweilig. Wie manche Musiker schauen, sich ungelenk auf Skalen austurnen. Und warum alle immer versuchen sich besonders locker im Funk zu geben, das kapier ich nicht. Genauso wenig wie ich Basssoli kapiere. Wer braucht die nochmal?
Ich gebe eine CD ab. “Jürgen?” “Frank!” “Oh! Tschuldigung!” “Macht nix!” “Ich hab’ dir mal eine CD mitgebracht mit ein paar von meinen Stücken. Es gibt jetzt eine Band, mit der ich die Stücke Live spielen möchte.” “Ah, schön. Schreib mir eine Email dazu, sonst vergesse ich das.” “Okay, mach ich. Danke.”
Wie sehr Zeitgeist abhängig das doch ist, oder? Vor zehn Jahren hat es niemanden interessiert, wenn man mit einer fertig produzierten CD ankam, Live-Musik war sowas von öde und out. Jetzt eine Home-Recording-CD, selbstgebrannt und handschriftlich beschrieben: “Ja klar, schreib mir eine Mail.” Vielleicht ist der Typ einfach nur ein netter Typ.
Ganz am Ende spielt so ein junger Gitarrist – der Erste, der ziemlich rockig spielt und die richtige Reaktion auf das Sologefummel des Bassisten zeigt: Achselzucken.

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karaoke

Jetzt muss es weitergehen. Und das tut es.

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auch gut

Auf dem Weg von Bad Homburg nach Griesheim. Die letzte Fahrt mit dem Polo. Es regnet als gäbe es kein Morgen. Die Scheibenwischer funktionieren nur auf der höchsten Stufe. Dann und wann rutscht das Auto. Ich fürchte sowieso, dass es auch meine letzte Fahrt wird. Aber dann komme ich doch an. Auf dem Bürgersteig abstellen. Nochmal prüfen, dass ich nichts vergessen habe. Der Verkäufer des türkischen Autohauses wartet bereits, begrüßt mich. Seine Helfer auch. Sie sind gut gekleidet, es ist Ramadan. Man sagt ich solle mich noch ein bisschen gedulden, das Auto sei noch in der Zulassungsstelle. Okay. Dann verschwindet der Verkäufer und ich sitze da inmitten der Enkel, Neffen und Schwiegersöhne, die in einem wirren Wust miteinander und aneinander vorbei reden. Sie sind freundlich, reserviert und überhaupt nicht interessiert. Für viele ist meine Sorte des assimilierten Türken Abschaum. Sie rotzen dir ihr ärgstes Türkisch hin, auf dass du Schwierigkeiten hast es zu verstehen. Wenn sie aus dem Osten der Türkei kommen, dann ist das in der Regel so. Ich sitze da und schweige vor mich hin und denke mir, dass wir doch woanders hätten gucken sollen, vielleicht bei so ein paar Nazideutschen. Gibt es auch.
Es vergehen erst zehn, dann die anderen zwanzig Minuten, bevor ich sage, dass ich schon eine halbe Stunde warte und ich wenigstens wissen wollte wann er zurückkommt. Sie telefonieren, er steht noch in der Schlange. Dann drehen sie sich ihren Computern zu und machen weiter. Spielen Solitair, vermutlich. Nach einer Stunde kommt das Auto endlich. Hoffentlich kriege ich keinen Ärger, ich werde meine Mittagspause auf zwei Stunden gedehnt haben, wenn ich zurückkomme. Ich unterschreibe alles schiebe die Kohle rüber und nehme den Schlüssel in Empfang. Ich frage, ob sie die Feinstaubplakette mitbesorgt haben. Nein. Okay. Ich fürchte ich habe gerade die Möglichkeit verpasst mich daneben zu benehmen. Irgendwelche Höflichkeitsfloskeln fluppen aus des Verkäufers Mund. Egal.

Mittwoch Morgen um viertel vor acht. Suni steht wie verabredet vorm Haus. Steigt ein. Wir sprechen den Plan durch. Wir schlängeln uns durch Sachsenhausen, über die Friedensbrücke ins Gutleutviertel. Nach etwa zehn Minuten rumgeeier finden wir die Rottweilerstraße, parken, gehen ins Amt und sind gleich dran. Zimmer 107. Eine sehr freundliche Frau empfängt und berät uns. Wir sind zufrieden, denn wir wissen was als nächstes zu tun ist, im Einbürgerungsprozess. Wir werden so Deutsch…
Durch den Hafentunnel auf die Mainzer Landstraße. Vorbei an der Galluswarte und in Nähe des Ordnungsamtes parken. Die große Schlange wartender Menschen vor der Ausländerbehörde können wird umgehen. Wir wollen das Bewohnerparken umschreiben lassen auf das neue Auto. Nach ein paar Minuten sind wir dran. Die Sachbearbeiterin sieht freundlich aus. aber erst von der Seite fällt mir auf, dass ihre Augenbrauen von Natur aus so hochgezogen sind, dass sie stetig aussieht als würde sie schmunzeln. Fünf Euro. Danke. Tschüss.
Schnell Tanken, dann weiter bis zur Schmidtstraße und Richtung Rebstock zur Zulassungsstelle. Plaketten gibt es an Schnellschalter. Fünf Euro. Danke. Tschüss.
Wieder im Auto. Vorbei an der Messe, am Westbahnhof, am Campus Bockenheimer Landstraße und parken. Türkisches Generalkonsulat. Nummer ziehen, reingehen. Der Sicherheitscheck ist das coolste was ich in letzten Jahren erlebt habe. Bisschen Tasche geknetet, bisschen die Arme abgetatscht und durchgewunken. Es ist Ramadan, und dementsprechend leer im Konsulat. Wir warten trotzdem eineinviertel Stunden. Dann holt Suni ihre Passverlängerung und ich meine Geburtsurkunde. Die ganze Zeit sitzt man da drin und hofft, dass man nicht zu sehr drangsaliert wird. Die Beamten haben eine tiefe Abneigung gegenüber ihren Landsleuten. Sie duzen dich ohne vorher zu fragen. Sie ignorieren deine Fragen und reden in ihrem Amtstürkisch daher. Aber das Türkisch, das man von seinen Eltern lernt enthält keine Worte wie Beleg, Formular, Paragraph und Amt. Im Wartezimmer die Blicke der Anderen: Was machen den die beiden Deutschen hier? Wir fühlen uns nicht sehr wohl und reden über unsere Eltern.

Wir fahren nach Hause, treffen Lotte, gehen im Öder Weg essen. Dann geht jeder wieder seiner Wege. Beim Hörgeräte Laden in der Schäfergasse frage ich nach schwächeren Filtern, die aber erst bestellt werden müssen. Es ist so schön mit jemandem redet, der freundlich ist.
Am frühen Abend Probe. Im Flur hängt ein Gesuch: eine Band sucht einen Proberaum auf zur Mitbenutzung. Sie sind gerade groß angesagt und haben extrem gute Kontakte, aus denen auch die Mitbenutzer des Proberaums großen Nutzen zeihen könnten. Wer in dem Geschäft, das große Geschäft erwartet, hat entweder vor drei Jahrzehnten einen Nummer-Eins-Hit gehabt und startet gerade die Comeback-Tour oder ist seit vierzig Jahren im Geschäft und heißen the Rolling Stones.  Ist aber nicht so. Die Band heißt Antitainment. Aber was will eine Band mit dem Namen dann eigentlich im Entertainment? Die Leute langweilen? Beschimpfen? Vollkotzen? Ich glaube wir suchen noch etwas länger nach einem Namen.
Um zehn Uhr bin ich zuhause und platt. Und dann bekomme ich eine Nachricht von Marc…
Bevor dieser Tag garnicht mehr aufhört, lege ich mich einfach ins Bett.

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