Tages-Archive: Oktober 7, 2007

mediterrane qualenforscher

Für einen der Abende bei einer Feier nur zu meinen Ehren, engagierten meine Eltern eine Zigeunergruppe. Es war der zweite Tag der dreitägigen Feier, die sogenannte Hennanacht (frei übersetzt). In der Hennanacht hatten die Frauen das Sagen. Sie belagerten den Garten und kein Mann außer mir durfte den Ort betreten. Sie stopften meine Hand in einen Handschuh, der mit warmer Henna gefüllt war und ich musste die ganze Zeit damit rumlaufen. Selbst die Musikgruppe bestand aus Frauen. Eine mit einer Darbuka, eine mit einer Fidel und eine mit einer Zurna. Ich erinnere mich, wie voll der Garten war und wie laut und anarchisch das Schreien, Tanzen und Singen. Die Musikerinnen standen mittendrin. Sie hatten ledrige Haut, große, weiße Zähne und dicke Ohrringe. Sie sahen aus wie Piratinnen mit leuchtenden Augen und tiefen, krächzenden Stimmen. Für Licht sorgte eine Lampe, so groß wie eine Melone, die an einem Balkongeländer hing. Ich weiß noch wie meine Mutter meinen Großvater tagsüber durch die Stadt gescheucht hatte, um sie zu besorgen.

Am darauf folgenden Tag feierte das ganze Viertel mit. Vor der Haustür stellte sich ein Duo mit Davul und Zurna auf die Straße. Sie spielten, wir tanzten. Meist taten wir das indem wir uns an der Hand fassten und so eine Menschenschlange bildeten, die sich ‘Oro’ nennt. Die Straße war dicht, aber niemanden störte es. Niemand hatte einen Antrag stellen müssen und niemand hatte Schilder aufgestellt. Essen wurde ausgeteilt. Im Garten wurde es in drei, vier schwarzen Gusseisenkübeln mit einem Meter Durchmesser von irgendwelchen Verwandten (die ich bis dahin nicht kannte, die mich aber sehr wohl), gekocht. Und noch am Morgen hatte man in einer Ecke des Gartens zwei Lämmer geschlachtet, von denen das Fleisch kam.

das schwere in schwarz weiss

Beim Tanzen auf der Straße steckte manchmal ein älterer Mann den Musikern mit einfacher Geste ein paar Scheine zu und wünschte sich, dass sie bestimmte Lieder spielten. Dann leerte sich der Tanzraum und ein paar weitere Männer betraten den Platz. Das war der Habitus wenn sie die ganz alten Mazedonischen Volkslieder mit viel Würde und natürlich Pathos vortrugen. Allein der Name, ‘teschkoto’, mazedonisch für ‘das schwere’. Diese Lieder waren viel langsamer als die anderen Stücke und man muss schon ein bisschen ernsthaft dreinschauen, um nicht komplett albern dabei auszusehen.
Mir aber war das ganz egal, ich hatte andere Sorgen.

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