der etwas längere bericht

nirgendwo waren abschied und abscheu näher beieinander

Neulich vor dem türkischen Konsulat. Es ist kurz vor acht. Nummer ziehen:“Kommen sie um zehn wieder.“ Um kurz vor halb elf wieder raus. Wie jetzt? Das war es schon? Merken: Passverlängerungen dauern nicht mehr so lang. Trotzdem denke ich immer an den „Prozess“ von Kafka, wenn ich in dem Laden bin.

Gewartet habe ich im Extrablatt, ein echt blödes Café. Am Tisch gegenüber zwei verschüchterte junge Menschen, die sich ständig so anschauen. Aber während ihm der Stift geht, quasselt sie ununterbrochen. Er ist ein bisschen verkrampft oder steif, je nachdem. Grönemeyer singt Mensch und ich denke, dass man diesem Menschsein nicht so richtig entkommen kann. Aber deswegen gleich einen Song zu machen? Ich weiß nicht…
Ich mach mir Gedanken über einen Terminkalender. Vielleicht einen digitalen. Ein Vorgesetzter sagt, dass meine „Kladde“ keinen guten Eindruck hinterlässt. Aber das sei doch eigentlich egal, sage ich, es funktioniert ja für mich. Nee, nicht so richtig. Doch. Und er schüttelt den Kopf. So tropfen sie sich in die Ritzen und wenn es dann friert, dann sprengen sie dich einfach zurecht. Am wenigsten weh tut es, wenn du dich überzeugen lässt. Wie krank das ist, ständig den Leuten auf die Hände zu schauen, ob sie auch ordentliche Terminkalender führen, die richtigen Sachen tragen, die richtigen Dinge denken. Und wer sagt, was richtig ist?

Im Fernseher im Extrablatt laufen Talkshows. Da sitzt ein Typ, der kein Hemd an hat. Sitzt einfach da in Jeans und Oben-ohne. Durchtrainiert, okay. Aber warum?

Schließlich raus aus dem Extrablatt, raus aus dem Konsulat, raus aus der Stadt. Ein entspanntes Wochenende im Hinterland. Christian, Gunda, Leo treffen, neeee. Wanderung von Wolzhausen nach Biedenkopf. Ganze Waldstücke hat Kyrill der Sturm hier vor ein paar Monaten weggemäht. Viele Bäume liegen noch da, einen weiteren haben wir umgetreten. Okay, es ist ein morscher Baumstumpf, aber immerhin.
Mitten im Wald dann treffen wir D., die in meinem Jahrgang war. Ich bin ein bisschen erschüttert.
Im Venezia gibt es Rieseneis und ich fühle mich als würden wir in der Eisdiele eines österreichischen Bergdorfs sitzen. Alles ist fremd. Aber hier war ich zwischen zwölf und zwanzig fast jeden Tag…
Hm… dann muss man das eben so hinnehmen.

Die nächste Woche durchackern. C. ist schon genervt. Nach der Vorstellung meiner Arbeit am Freitag bekomme ich auf der Stelle Kopfschmerzen.
Simpsons am Abend. Lustig, kurzweilig und so wie die fünfundzwanzig Minütigen Sendungen, nur eben länger.

Samstag? Was war eigentlich am Samstag? Ach, ich weiß es nicht mehr. Wie schön!

Sonntag dafür das erste Mal allein auf einer RTF in Niederrad. Der kleine alte Mann vom Ilbenstädter Radsportverein ist einundachtzig und hält als einziger mit, als ich das Tempo in der ersten Gruppe, der ich mich angehängt habe verschärfe. Später sind es fast hundertfünfzig Kilometer und ein sonderbarer Ausspruch, den ich bei der Rückgabe der Nummern neben mir höre. Ein Typ verabschiedet sich von seinen Freunden und statt zu sagen: ich verabschiede mich! Sagt dieser: Ich verabscheue mich. Das muss man sich mal vorstellen! Und damit war er wahrscheinlich nicht allein.

Dieser Beitrag wurde unter Blog veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentare sind geschlossen.