Monats-Archive: Juli 2007
der etwas längere bericht

Neulich vor dem türkischen Konsulat. Es ist kurz vor acht. Nummer ziehen:”Kommen sie um zehn wieder.” Um kurz vor halb elf wieder raus. Wie jetzt? Das war es schon? Merken: Passverlängerungen dauern nicht mehr so lang. Trotzdem denke ich immer an den “Prozess” von Kafka, wenn ich in dem Laden bin.
Gewartet habe ich im Extrablatt, ein echt blödes Café. Am Tisch gegenüber zwei verschüchterte junge Menschen, die sich ständig so anschauen. Aber während ihm der Stift geht, quasselt sie ununterbrochen. Er ist ein bisschen verkrampft oder steif, je nachdem. Grönemeyer singt Mensch und ich denke, dass man diesem Menschsein nicht so richtig entkommen kann. Aber deswegen gleich einen Song zu machen? Ich weiß nicht…
Ich mach mir Gedanken über einen Terminkalender. Vielleicht einen digitalen. Ein Vorgesetzter sagt, dass meine “Kladde” keinen guten Eindruck hinterlässt. Aber das sei doch eigentlich egal, sage ich, es funktioniert ja für mich. Nee, nicht so richtig. Doch. Und er schüttelt den Kopf. So tropfen sie sich in die Ritzen und wenn es dann friert, dann sprengen sie dich einfach zurecht. Am wenigsten weh tut es, wenn du dich überzeugen lässt. Wie krank das ist, ständig den Leuten auf die Hände zu schauen, ob sie auch ordentliche Terminkalender führen, die richtigen Sachen tragen, die richtigen Dinge denken. Und wer sagt, was richtig ist?
Im Fernseher im Extrablatt laufen Talkshows. Da sitzt ein Typ, der kein Hemd an hat. Sitzt einfach da in Jeans und Oben-ohne. Durchtrainiert, okay. Aber warum?
Schließlich raus aus dem Extrablatt, raus aus dem Konsulat, raus aus der Stadt. Ein entspanntes Wochenende im Hinterland. Christian, Gunda, Leo treffen, neeee. Wanderung von Wolzhausen nach Biedenkopf. Ganze Waldstücke hat Kyrill der Sturm hier vor ein paar Monaten weggemäht. Viele Bäume liegen noch da, einen weiteren haben wir umgetreten. Okay, es ist ein morscher Baumstumpf, aber immerhin.
Mitten im Wald dann treffen wir D., die in meinem Jahrgang war. Ich bin ein bisschen erschüttert.
Im Venezia gibt es Rieseneis und ich fühle mich als würden wir in der Eisdiele eines österreichischen Bergdorfs sitzen. Alles ist fremd. Aber hier war ich zwischen zwölf und zwanzig fast jeden Tag…
Hm… dann muss man das eben so hinnehmen.
Die nächste Woche durchackern. C. ist schon genervt. Nach der Vorstellung meiner Arbeit am Freitag bekomme ich auf der Stelle Kopfschmerzen.
Simpsons am Abend. Lustig, kurzweilig und so wie die fünfundzwanzig Minütigen Sendungen, nur eben länger.
Samstag? Was war eigentlich am Samstag? Ach, ich weiß es nicht mehr. Wie schön!
Sonntag dafür das erste Mal allein auf einer RTF in Niederrad. Der kleine alte Mann vom Ilbenstädter Radsportverein ist einundachtzig und hält als einziger mit, als ich das Tempo in der ersten Gruppe, der ich mich angehängt habe verschärfe. Später sind es fast hundertfünfzig Kilometer und ein sonderbarer Ausspruch, den ich bei der Rückgabe der Nummern neben mir höre. Ein Typ verabschiedet sich von seinen Freunden und statt zu sagen: ich verabschiede mich! Sagt dieser: Ich verabscheue mich. Das muss man sich mal vorstellen! Und damit war er wahrscheinlich nicht allein.
es passiert was
Meine beiden Lieblingsschlagzeilen:
Libération: “Endlich eine gute Nachricht von der Tour: Wino ist positiv.”
Le Parisien: “Und außerdem ist der Träger des Gelben Trikots ein Lügner!”
licht wird nur der haaransatz
Neulich, letzte Woche, wurde ich im Traum erleuchtet. Zuerst waren da Gianni und Heidi und ich bin mit Gianni gelaufen. Gejoggt wohl eher. Dann kam ein Mann, der mich wegen irgendwas prüfen wollte. Die Prüfungen fanden an einem Sandkasten statt. Nachdem ich alle Prüfungen bestanden hatte, war ich einerseits mächtig stolz auf mich, andererseits fand ich meine blöde Eitelkeit auch ganz schön peinlich. Wir gingen zum zweiten Sandkasten. Ich sollte eine Glocke halten. Eine Kuhglocke ruhig festhalten. Der Himmel verdunkelte sich. Mein Arm fing an zu zittern. Ich dachte, kann ja gar nicht sein und versuchte mich stärker zu konzentrieren. Aber während mein Arm jetzt ruhig war, zitterte mein ganzer Körper. Hä? Am Himmel tat sich ein Spalt zwischen den Wolken auf. Eine Erleuchtung. Ich weiß noch, dass ich dachte, Mist, ich glaub doch gar nicht dran. Wie komme ich jetzt da raus? Aber bevor ich überhaupt weiter träumen konnte wurde ich wach. Toll. Vier Uhr und ziemlich zittrig. Und auf’s Klo musste ich auch. Also aufstehen. Aber nicht ins Wohnzimmer gucken, da könnte ja zum Beispiel Gott sitzen und darauf warten mir die Bedeutung dieses Traumes zu erklären, oder mir irgendeinen religiösen Auftrag zu erteilen. Dafür würde ich mich nun wirklich nur sehr schwer begeistern können. Oder vielleicht würde dort der Teufel sitzen und anfangen mich zu bekämpfen, jetzt wo ich erleuchtet war und quasi zur anderen Seite gehörte. Auf’m Klo zumindest war keiner von beiden. Und wenn ich ehrlich bin, war auch keiner auf der Couch im Wohnzimmer. Ich hab nämlich auf dem Rückweg aus dem Augenwinkel einen Blick drauf geworfen.
nach dem sommer

Hohenlohe. Hügel, Wiesen, Felder, Wälder, Bauern, Straßen, Traumsteigungen, Umleitungen, Umwege. Hohenlohe. Gelebtes Deja-vu. Riesige Monsterinsekten, die ganze Felder abgrasen, Päckchen auskacken und die Gegend in ihre staubigen Fürze hüllen. Mein VW Popo mittendrin. Brrrrt.
Auf der Betriebsfeier gab es alles was das Herz begehrt. Es gab überall Wirbel und die Feststellung, dass Wirbel eigentlich einer strikten Ordnung folgen. Das ist gut zu wissen. Springen mit Dr.Snuggles Sprungfedern. L. und ich beim Wettrennen mit diesen komischen Brettern an Rädern. L. und ich beim Wettrennen mit diesem komischen Kipp-Wipp-Dingens. L. und ich beim stolzieren mit Stelzen. L. und ich essen Pflaumen. L., K. und ich essen Pizza. L. und ich essen Kuchen. L. und ich beim schwitzen.
Wer hat am Sonntag 37° Celsius Clay auf der Rechnung gehabt? Zum Islam übergetretenes Schwergewicht, der fortan Thermohammed Ali gerufen werden will.
Basso wurde am Samstag geputzt. Seit Monaten habe ich das nicht getan. Fünf Stunden jedes einzelne Kettenglied, jedes Ritzel. Dabei Fern geschaut und mich nicht getraut, den tollen Ritt von Gerdemann toll zu finden. Nur ein bisschen vielleicht. Das Dilemma: die T. ist verkommen zu einem abstrakten Gebilde. Man kann es schauen und sieht und versteht was passiert, aber man traut sich nicht das Herz mitschlagen zu lassen. Darauf sind wir wohl einmal zu oft reingefallen. Man traut keinem Fahrer mehr richtig, den Sponsoren erst recht nicht und den Teams und Teamchefs am allerwenigsten. Und wenn man dann noch die Aussagen der dämlichen Di Lucas oder Mazzelonis oder was weiß ich wem hört, dann läuft es einem kalt den Rücken runter. Nee nee, erstmal keine Euphorie. Im nächsten Leben vielleicht.
tückisch
Diverses Getier, wie Vögel, Wild und türkischstämmige Ausländereinwandererdeutschegastarbeiter waren noch nicht integriert. Bei Letzteren aber hatte man noch Hoffnung. Und so übergaben sich die Türken zum Zwecke der Integration in die Hände der deutschen Politiker. Das war vielleicht ein Missverständnis.
Entschuldigung, ich kann gerade nicht, ich unterliege den Verlockungen einer Integration. Versuchen sie es morgen nochmal.
überflüssiges im überfluss

Als R. mich damals in der Koblenzer anrief und wir quatschten ziemlich überflüssiges Zeug. Als er dann nach dem DC fragte und ich ihn anlog, dass ich ihn nicht habe, weil ich immer noch sauer war, dass er die Band verlassen hatte. Als ich mir sagte, er brauche ihn sowieso nicht mehr. Als er mir vorwarf nicht zu wissen was das Wort reaktionär bedeutete und ich ihm auch das übel nahm. Als Tiefschläge gute Sitte und fair waren. Als dann auch M. uns verarschen durfte, da waren wir in der Tat ein bisschen überflüssig. Weiß auch nicht was wir hier suchten. Vielleicht ein bisschen Ärger, vielleicht Frieden.
mehrere tage
Hin und her. Überlegungen. Hmhmhm
Nach dem köstlichen Essen. Suni & Christoph in Bornheim. Zusammen in die Batschkapp. Modest Mouse. Die Vorgruppe heißt Sometree. Erbärmlicher Krach. Songs die an schlechte Grunge Zeiten erinnern. Nichts knackiges, nichts greifbares, nur Suppe, Schwamm, Nebel, Gewühl, verknotetes Wollknäul. Für Modest Mouse befürchte ich schon das Schlimmste. Glücklicherweise nicht. Die Band ist eine Wucht. Nervt erst nach einer Stunde. “Das Konzeept ist nicht zu ertrogn. Verstähn sie! Imma diesas leise-laut-und-laut-leise. Durchschauba’! “, sagt der österreichische Kritiker in mir. Und es stimmt. Also, Modest Mouse: JA! Aber nicht ohne Vorbehalt.
Nächster Tag. Hin und her. Wie sagen? Wie fragen? So? Oder so? Oder so? Nee! Quatschen, denken, überdenken. Zuhören. Wieder zurück. Also, wie ist das Vorhaben? So wird’s gemacht. Bloß wann? Zwischendurch bombadieren die Eltern noch ein paar Brücken. Zwei-Fronten-Krieg. Hadern. Konzentration funktioniert. Wie ein Reflex. Man tut das Richtige ganz automatisch. Und verliert sich irgendwo. Bei mir, eine Programmiersprache. Und dann kommt man raus, wie aus einem Zimmer und verkündet was man zu verkünden hat. Keine Fragen mehr. Rausgehen: So. Hier. Eltern, das ist für euch. Mitmenschen, Volk, Welt, bitteschön. Jetzt geht ihr mal in eure Zimmer und denkt nach. Kein Zweifel, dass ihr zurückkommt.
LCD Soundsystem bleibt weiterhin der große Favorit auf die Band der Bands. Freitag Nacht in der alten Feuerwache in Mannheim. Mein österreichischer Kritiker: “Ja, so komma’s mochen.” Alles bewegt sich. Auch die Seelen der verstorbenen Feuerwehrmänner in diesen vier Wänden. Das muss man erst mal hinkriegen. Kein Problem für Professor Doktor Mopel James Murphy. Das Wörtchen “groove” wird gerade wiederbelebt. Und ich war dabei!
Bei einem Song geht der Text so:
Yeah – yeah – yeah – yeah yeah- yeah yeah – yeah. Yeah- yeah yeah – yeah yeah – yeah!
Neue Alben: Spoon, Crowded House und für C.: Tied and Tickled Trio & Justice.
Was ich nicht wusste, ein neues Beatie Boys Album mit Instrumentalstücken und Titeln wie “The Gala Event”, “Electric Worm”, “The Cousin of Death” und ” The Kangaroo Rat”. Hörenswert, wenn auch kein vollwertiges Album.
drei tage wach in offenbach
Gitarre: Atilla Korap
Blockflöte: Matthias Altenburg
notizbuch öfter nutzen
Notiz für’s Notizbuch: Dingend mehr Notizen machen, sonst geht zu viel Kram verloren.
Freitag verpennt: Thomas Meinecke und Move D. legen auf Naxos auf. Ich mach den Poofinger, lass Peter im Stich.
Sonntag – ich sag’s euch – wollte ich mal so richtig ausgiebig hunderte von Stunden usw. Fahrrad fahren. Aber ich fahre den Feldberg und denke: nanu, ich rase ja nicht gerade hier hoch, aber was soll das? Mir wird erst schlecht und dann gehen die Beine aus. Luft, Atmung war okay, aber kein Saft! So schnell es geht fahre ich zurück, so macht es ja keinen Spaß. Und ich stelle fest, war doch nicht nur Gejammer.
Ein Paar mal kreuze ich die Ironmanstrecke und ich sehe die Athleten auf der Radtour. Am Straßenrand liegen viele tote Tiere. Vögel mit abgerissenen Schnäbeln, aufgedunsene Igel mit platt gefahrenen Schnauzen und ein im Wind flatterndes Büschel Fell, das noch nicht von einem Auto platt gefahren wurde. Und dann hasse ich kurz die vielen Autofahrer, die immer nur mit ein paar Zentimetern Abstand an einem vorbei fahren. Die gar nicht zu wissen scheinen, was es heißt, wenn ein Radfahrer sich erschreckt und kurz ausschert. Anders gesagt: Ihr Wichser!
Für den Rest des Tages beruhigt sich mein Puls nicht mehr so richtig. Aber ich bin doch zuhause. Ich schaue im Netz. Es ist raus wer den Bachmann-Preis gewinnt. C. ist häufig im Bild. Dann warte ich bis sie landet. Solange liege ich auf dem Sofa und schaue Formel 1. Lache über die Kommentatoren. Wieso wird es noch als Sport bezeichnet, wenn alle immer nur von “der Show” reden? Egal, das ist schön hohl. Genau das Richtige.
Abends noch zwei Lieder mehr.
niemand nichts warum
Im Briefkasten liegt ein roter Umschlag. Schräg. Schick. Aufreißen. Das Marlboro Logo. Ein Prospekt, ein Flyer, ein Anschreiben. “Hi Atilla”. ??? Hey Thorsten, hey Sabina. Ihr könnt mich mal.
Verrücktverrückt. Jetzt fliegt also alles auf. Und das ist nicht alles.
So unverschämt, dass es mich erschlägt. Diese Businessheinis. Ich wollte schon Deppen schreiben, aber der Depp bin da eher ich.
Zu kryptisch? Ja, tut mir leid.



