the cantinas

Es ist Samstag, bald schon Mittag. Wir müssen ein Geschenk für Stefan besorgen. Morgen ist sein Geburtstag und heute Abend wird rein gefeiert und zwar in der Cantina. Da legt er heute auch auf. (Tja… wenn der uns mal die Möglichkeit zur Übergabe gegeben hätte, dann könnte ich jetzt verraten was es ist.) „Wann sollen wir denn kommen, Stefan?“ „So gegen elf.“ Heiliger! Wie lange soll denn das dann gehen?
Ich überlege selbst zu fahren. Das hieße nichts trinken. Aber wenigstens keine Probleme ein Taxi zu bekommen. Charlottes Augen glänzen, das wär doch prima. Genau, das wär prima, nur ich würde dann vermutlich sehr schnell müde werden. Sie zuckt mit einer Schulter. Okay, okay, ich fahre. Sie schaut zufrieden aus, mit sich.

Um halb elf hole ich sie ab – auch noch vor der Haustür. Es regenet, mein Scheibenwischer geht nur auf der schnellsten Stufe. An der Cantina fahre ich, meinem Naturell entsprechend, erstmal vorbei. „Wo war denn das?“, frage ich mich einen Kilometer später. Wenigstens ist es ihr nicht aufgefallen und außerdem glaubt sie ja die Messe läge in Rüsselsheim.

Wir stehen auf Stefans Gästeliste und bekommen unseren Stempel. Kein Passwort, nix Geheimes. Schade! Shangri-la ist das Motto des Abends und die erste Band macht sich fertig um ihren Indien Mix abzulassen. Ein Typ sitzt in der Mitte der Bühne, im Lotussitz und einigen Percussion Instrumenten. Er dirigiert das ganze Ensemble und quatscht ununterbrochen mit dem Mischer. „Mach ma‘ hier lauter, da leiser. Test 1, 2. Ja, mich wieder lauter, warte ich spiel mal, Bäng bäng, ja prima, aber jetzt die Tavla wieder leiser und den und das und so…“
Wir grüßen Stefan, doch der ist total aufgedreht und verschwindet wieder. Die Band fängt an. Schöne sphärisch-rythmische Klänge. Nach einer Stunde – he, es ist gleich zwölf! Wo ist Stefan? – sitzt Stefan auf der Bühne und trommelt sich die Seele aus dem Leib. Als er fertig ist, fallen alle über ihn her. Glückwunsch! Schon ist er weg. Gregor und Freundin kommen rein. So’n sympathischer Typ, denke ich. Er und Charlotte reden kurz über die machtdose vom letzten Donnerstag. Dann verschwinden sie kurz, kommen wieder und verlassen die Cantina. „Ich muss morgen um acht arbeiten!“ Alles klar!

Der andere Gregor – DJ Le Gregoire – legt ein Geburtstagsstänchen auf. Na, dann ist doch alles Bestens. Der eine kommt zum Gratulieren, der Andere legt ’n Scheibchen auf und wir haben… (ich darf’s ja nicht verraten!). Nachdem Le Gregoire fertig ist mit Auflegen, spielt noch eine Band. Die klingt ein bisschen tighter als die erste, was aber daran liegen könnte, dass die erste Gruppe ein Art Jam-Session veranstaltete, während die hier eindeutig eingespielt ist. Aber so richtig höre ich garnicht hin, weil ich aus den ganzen Flyern, die auf der Theke liegen Flugzeuge bastele und sie durch die Gänge werfe.

O! Stefan ist mal wieder DJ Eastenders und legt auf. Und wie! Der Bass brummt und die Beats sind furchtbar schnell. Meine Güte, das geht ja ab wie die Hölle. Es ist wirklich unglaublich wie druckvoll man auflegen kann. In meinem Ohr vibriert es, an Unterhaltung ist kaum zu denken. Außerdem werde ich immer müder! „Ja lass uns gehen“, sage ich. „Meinst du der Stefan ist dann sauer?“, fragt Charlotte, deren Flugzeuge übrigens weiter flogen als meine (§!$‘!!#+*). „Ach Quatsch, warum sollte er?“ Wir brechen auf Richtung DJ Pult. Ich übernehme es die Mitteilung zu machen, Stefan wir gehen dann mal. Dabei hebe ich leicht meine rechte Hand und winke. Stefan beugt sich energisch über die Plattenteller und würde, so sieht es aus, am liebsten über die Theke hüpfen und mich durchschütteln. „Seid ihr bescheuert!? Das ist DUBSTEP, Mann!“
Ach und jetzt höre ich es. Der Halftime, die Subbässe, die einem in der Brust vibrieren und die Blähgeräusche, die zu jedem guten Uterus-Sound dazugehören, alles vorhanden. Unter diesen Umständen bleiben wir natürlich. Aber mit uns ist wirklich nix mehr los. DJ Eastenders rockt die Cantina und wir trippeln so auf der Tanzfläche rum, wissen nicht so richtig, wie man zu Dubstep tanzt, überhaupt. Als Dubstep wieder geht, setzen wir uns in einem anderen Bereich, wo es ruhiger ist, auf ein Sofa und trauen uns nicht zu gehen, ehe Stefan fertig ist. Neben uns sitzt ein Typ, der mit sich selbst redet und mit uns und auf türkisch und deutsch und kurdisch. Ich verstehe es nicht so richtig. Eigentlich träume ich doch schon. Ich fahre mit meiner kackbraunen Couch durch Indien, überall liegen Leute, manche nehmen Drogen, manche nicht, und manche sind freundlich, manche nicht, Dubstep ist auch da, seid ihr bescheuert, klar, lächeln, lachen, sprechen, alles automatisch, ach, Automation, das mache ich auf der Arbeit…

Dieser Beitrag wurde unter Blog veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentare sind geschlossen.